Tamedia schreibt in Zusammenarbeit mit Schweizer Journalistenschulen das Förderprogramm für investigativen Journalismus bereits zum neunten Mal aus. Junge Journalistinnen und Journalisten erhalten die Chance, das Recherchehandwerk im Team des Recherchedesks der Redaktion Tamedia in Bern und Zürich während eines Jahres zu erlernen und zu vertiefen. Die ehemalige Gewinnerin Vanessa Mistric und der frühere Preisträger Hannes von Wyl erzählen im Interview, was sie beim Mitwirken an grossen Recherchen, wie beispielsweise den Implant Files, gelernt haben.

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Vanessa, Du hast von Mai 2018 bis Mai 2019 Dein Volontariat am Recherchedesk der Redaktion Tamedia absolviert. Was hat Dich damals bewogen, Dich zu bewerben? 
Als das Volontariat ausgeschrieben wurde, war ich gerade Praktikantin bei der SonntagsZeitung. Ich hatte dort schon einige Recherchen veröffentlicht, etwa zu mangelhaften Gefahrenguttransporten der SBB oder zur vergifteten Betriebskultur bei den Basler und Zürcher Verkehrsbetrieben. Ein Kollege schickte mir die Ausschreibung und schrieb dazu: Bewirb dich doch! Ich war sofort Feuer und Flamme. Zu lernen, wie Investigativjournalisten arbeiten und wie internationale Recherchen ablaufen - von so einer Chance hatte ich schon lange geträumt.

Mit welchen Erwartungen bist Du ins Volontariat gestartet und wurden diese erfüllt? 
Ich wollte mir von erfahrenen Investigativjournalisten abschauen, wie sie arbeiten, und selbst möglichst viel ausprobieren. Das habe ich dann auch. Einfach war die Arbeit beim RechercheDesk nicht, aber das habe ich auch nicht erwartet. Es ging eine Weile, bis ich eigene Themen für investigative Recherchen einbringen konnte. Ich musste auch lernen, mir einen Überblick über tausende Dokumente zu verschaffen, die kaum ein Wort enthielten, mit dem ich etwas anfangen konnte. Die Zeit war intensiv, dafür sehr lehrreich.

«Kommt man zum Schluss, dass die Geschichte wichtig genug ist, dann sollte man hartnäckig bleiben.»

Welches waren Deine drei wichtigsten Learnings?
Es ist wichtig, vor aufwendigen Recherchen klar zu definieren, welchen Vorwurf man prüfen will, einzuschätzen, wie realistisch es ist, dass man diesen Vorwurf erhärten kann und sorgfältig abzuwägen, ob das öffentliche Interesse den Aufwand rechtfertigt. Sonst verrennt man sich schnell in einer Recherche. 
Kommt man zum Schluss, dass die Geschichte wichtig genug ist, dann sollte man hartnäckig bleiben. Gerade wenn man meint, dass man nie mehr vom Fleck kommt, öffnet sich oft doch eine Tür. 
Es lohnt sich, viel Zeit zu investieren, um das Vertrauen von Insidern zu gewinnen. Manchmal gibt einer, der anfangs skeptisch war, am Ende den entscheidenden Hinweis. 

Welches war für Dich die wichtigste Geschichte, bei der Du mitarbeiten durftest?
Am spannendsten waren die Recherchen für die Artikelserie Implant Files, in der es um defekte Implantate ging. Ich habe direkt miterlebt, wie der RechercheDesk zusammen mit Journalisten aus der ganzen Welt gravierende Systemfehler aufgedeckt hat und konnte sogar einen Beitrag leisten. Im Team wurden neben recherche-technischen auch medienrechtliche Fragen intensiv diskutiert. Etwa: Wie macht man heikle Passagen prozessfest? Diese Erfahrung hat sich eingeprägt. 

Du bist nach dem Volontariat dem Journalismus treu geblieben und arbeitest bei der Linthzeitung. Kannst Du Deine Investigativerfahrung auch im Lokaljournalismus einsetzen?
Meine Investigativerfahrung hilft mir, an Geschichten zu kommen. Ich achte jetzt zum Beispiel darauf, dass ich mit Experten und Insidern Kontakte knüpfe. So bin ich darauf aufmerksam geworden, dass in der Region immer mehr Menschen ihren Anspruch auf medizinische Leistungen verlieren. Zudem gehe ich jetzt viel strategischer vor, wenn ich Recherchegespräche führe und lasse mich nicht mehr so schnell beschwichtigen. Im Lokalen bleibt zwar weniger Zeit für Recherchen. Aber ich denke, gerade wenn es darum geht schnell zum Ziel zu kommen, hilft es wenn man ein gutes Recherchetraining hinter sich hat und die Fallstricke kennt. Deswegen schätze ich es sehr, dass ich die Möglichkeit hatte, von den besten Investigativjournalisten zu lernen. 

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Um das Förderprogramm absolvieren zu können, braucht es erste journalistische Erfahrung und Recherchearbeiten, die man mit der Bewerbung einreicht. Hannes, welche Geschichten hast Du damals Deiner Bewerbung beigelegt, um die Chefredaktion sowie die Direktion verschiedener Bildungsstätten für Journalismus zu überzeugen?
Ich konnte bereits als Blattmacher Online beim Tages-Anzeiger ab und zu Recherchegeschichten schreiben. Zum Beispiel über den Online-Shop «Migrantenschreck» eines bekannten Rechtsextremen, der gefährliche Waffen explizit zur Verteidigung gegen Ausländer anpries. Oder eine Rekonstruktion der Putsch-Nacht in der Türkei, basierend auf internationalen Newsquellen. Was die Verantwortlichen letztlich überzeugt hat, können nur die Betreffenden selber beantworten.

Was war Dein eindrücklichstes Erlebnis während des Volontariats? 
Da kann ich drei aufzählen: Als ich an der ersten Sitzung zu den Paradise Papers teilnahm, verstand ich erstmal kein Wort. Eine solche Recherche verlangt ein enormes Hintergrundwissen im Bereich Aktienrecht, internationale Strafnormen usw. Zu sehen, welches Spezialwissen sich meine Kollegen angeeignet hatten, war beeindruckend. Beeindruckend auf eine schlimme Art war die Recherche in einem Pädophilenforum zusammen mit Alexandre Häderli. Da erfuhren wir aus erster Hand, wie sich diese Menschen über sexuelle Handlungen mit Minderjährigen austauschen. Eindruck machte mir auch mitzuverfolgen, wie ein Prozess an der höchsten Instanz der Schweizer Justiz abläuft: Beim Tamil-Tiger-Prozess am Bundesstrafgericht in Bellinzona.

«Hinter einem Artikel steckt oft viel mehr Recherche, als man sich vorstellen kann»

Welches waren Deine drei wichtigsten Learnings?
Hinter einem Artikel steckt oft viel mehr Recherche, als man sich vorstellen kann – weil man nie alle recherchierten Informationen im Endprodukt verwenden kann.
Wie präzis unsere Sprache sein muss, gerade bei juristisch heiklen Geschichten, beziehungsweise wie vage man manchmal schreiben muss – gerade weil Geschichten juristisch heikel sind.
Dass man mit gutem Journalismus wirklich etwas bewegen kann, indem man zuvor unbekannte Fakten ans Tageslicht bringt.

Du hast bereits vor dem Volontariat für Tamedia gearbeitet und bist der Mediengruppe treu geblieben. Aktuell bist Du als Abo+ Manager und Produzent im Digitalteam der verschiedenen Newsplattformen von Tamedia tätig. Wie kommt da dein Recherche-Know-how zum Zug?
Ich bin neben dem Abo+-Job auch mit einem kleinen Pensum beim Recherchedesk angestellt, wo ich grössere Projekte im Hinblick auf die Online-Koordination betreue. Da kann ich mein Know-how beratend einsetzen. Generell hat das Volontariat mein Auge für den Kern von Geschichten geschärft. So kann ich auch im Abo+-Job besser einschätzen, welches für die Leser die wichtigsten Aspekte eines Artikels sind.

Du hast zusammen mit dem Team des Recherchedesk für die umfangreiche Artikelserie über die Paradise Papers den renommierten Zürcher Journalistenpreis 2018 gewonnen. Nicht schlecht, so einen Preis bereits als Volontär zu erhalten. Wie war das für Dich?
Darauf bilde ich mir nicht viel ein – schliesslich war es reines Glück, dass ich gerade zu dieser Zeit beim Recherchedesk arbeiten konnte. Gefreut hat mich aber, dass die Online-Umsetzung und die grafische Gestaltung der Artikelserie, die teilweise auf meinen Ideen beruhte, bei der Vergabe des Zürcher Journalistenpreises explizit gelobt wurde.

Vanessa Mistric 30 studierte Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politischer Datenjournalismus an der Universität Zürich und schloss ihr Studium mit dem Master of Arts in Sozialwissenschaften ab. Danach absolvierte sie journalistische Praktika bei SRF, der «Zürichsee-Zeitung», «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung».

Hannes von Wyl (32) war nach einem Praktikum als Freelancer für 20 Minuten tätig bevor er als Online-Redaktor zu SRF wechselte. Im April 2015 stiess er als Online-Blattmacher zum Tages-Anzeiger und blieb Tamedia seither treu.

Der Förderpreis
Der Förderpreis Investigativjournalismus richtet sich an Jungjournalistinnen und -journalisten unter 35 Jahren, die ihr Studium an der Schweizer Journalistenschule MAZ, an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) oder an vergleichbaren Einrichtungen abgeschlossen haben. Die Auswahl der Preisträger der neunten Ausschreibung des Förderprogramms erfolgt durch die Chefredaktion der Redaktion Tamedia unter Einbezug der Direktionen der verschiedenen Journalismusschulen als Partner des Preises. Der Preisträger oder die Preisträgerin erhält die Möglichkeit, ab Frühling 2020 ein einjähriges, bezahltes Volontariat im Recherche-Desk in Bern und Zürich zu absolvieren.

Autorin

Eliane Loum-Gräser

Eliane Loum-Gräser

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